Schmerz und Leichtigkeit. Ein Interview mit einer ehemaligen Klientin Martina Schuegraf. 

  •   Was bedeutet für dich Körperlichkeit?:  

Auf jeden Fall Emotionen, Gefühle und daran gekoppelte Inspiration. Etwas, das ich als diametral entgegengesetzt zur Arbeit an der Universität erlebe. Dort wird sich vor allem auf kognitives und rationales Wissen bezogen.

 

  •    Jetzt sind wir bei einem Bereich, welcher deine letzten Arbeitsjahre bestimmt hat.:

Ich habe mehrere Jahre an der Universität gelehrt. Es fällt mir leicht, zu lehren und mit Begeisterung ein Lernfeld für Studierende zu schaffen. Allerdings ist für mich klar geworden, nicht mehr mit den strukturellen machtorientierten Grenzen umgehen zu wollen. Statt, dass die Strukturen die Menschen an den Universitäten unterstützen, erlebte ich, wie Menschen Teil von angst-, machtmissbrauch-, überforderungs- und konkurrenzfördernden Strukturen werden. Regularien, Curricula und Vorgaben, wie mit Wissen und Bildung umzugehen ist, ist fern von dem, was ich suche. Hochschulstrukturen stehen mittlerweile diametral einem freien Denken und Geist auch im Humboldt’schen Sinne gegenüber. Auch die Forschung empfand ich als unfrei, sie ist abhängig von Drittmitteln und Publikationen in Journals. Es gibt keine Experimentierräume oder die Möglichkeit zu scheitern. Eher lässt sich von Antragsabarbeitungsforschung sprechen, bei der das Ergebnis mehr oder weniger von vornherein feststehen muss.

 

  •     Wie würdest du gerne forschen?:

Mit all dem, was eine Forschungspersönlichkeit ausmacht. Neugier, Erfahrung, Inspiration, Mut zum Nicht-Wissen und Lust am Experimentieren ohne gesicherten Ausgang. Denn wenn ich forsche, geht es ja darum, etwas Neues, Unbekanntes oder auch bereits Bekanntes jedoch anders zu betrachten. Auch das eigene Erleben, eine intrinsische Forschung, gehört dazu. Eine Arbeit, die in den Diskurs geht, die sich der Gesellschaft stellt. Ich möchte Fragen stellen, ohne die Antwort zu kennen, sonst muss ich nicht forschen. Ich möchte, dass meine Arbeit oszillieren kann, sich öffnet und in den Diskurs mit der Gemeinschaft geht. Und dass eine respektvolle Haltung dabei selbstverständlich ist. Zum Beispiel finde ich das Wort „Proband*innen“ für Personen, die ich bspw. im Forschungsprozess befrage, nicht gut. Lieber rede ich von Interviewpartner*innen oder nutze deren Namen. Ich möchte mit Menschen, die in meinem Forschungsprozess involviert sind, auf Augenhöhe agieren, d.h. ich möchte nicht „über“ sondern „mit“ Menschen forschen, es sind keine Beforschten. So, wie wenn ich auf einen Berg steige, dann bin ich voller Respekt manchmal sogar Ehrfurcht. Diese Haltung finde ich angemessen, egal ob ich mit Menschen arbeite oder Formeln und Materialien. Ich will sehen und spüren, zulassen, dass meine Forschungsfrage auch etwas mit mir macht, mich beeinflussen darf. 

 

  •      Wie sieht deine eigene, persönliche Forschungsreise aus?: 

Aus den Gedanken raus, rein in den Körper und ins Gefühl! Vor gut zwei Jahren hatte ich Schwierigkeiten mit der Heilung eines Knochenbruches. Das war auch der Zeitraum, als wir uns in der Physiotherapie kennengelernt haben. Teil davon war ein umfassender Schmerz. Ich war in fast allen Bereichen meines Lebens eingeschränkt. Meine üblichen Strategien und Auswege haben nicht mehr funktioniert. Der Schmerz und die Ohnmacht waren zu groß. Anstatt mich vor allem auf die Wiedererlangung der Funktion und das Beseitigen des Schmerzes zu konzentrieren, ließ ich mich auf den Impact ein, habe gespürt, den Schmerz an mich herangelassen, dass er etwas mit und in mir macht und mich auf verschiedenen Ebenen berührt. Ich weiß, dass ich andere und mich für Ziele und Vorhaben begeistern kann. Aber wie kann ich diese Fähigkeit bei der Auseinandersetzung mit dem Schmerz nutzen? Ich musste eine neue Haltung entwickeln und die Basis war das unvoreingenommene Spüren und Zulassen und dass es oszillieren darf.

 

  •     Was hast du alles gemacht und genutzt auf deinem Weg der Heilung?:

Hilfe von außen hatte ich durch unsere Arbeit mit Physiotherapie und der Grinberg Methode. Und ich habe mir viel mehr Zeit gegönnt für Meditation, Klangschalen, Buddhismus und die Auseinandersetzung mit verschiedenen spirituellen Strömungen, also mit einem ganz anderen Geist als dem rationalen, kognitiven und natürlich für jede Menge Bewegung, zum Beispiel Klettern und in den Bergen sein.

 

  •    Apropos Klettern, du hast ein starkes Erlebnis in El Chorro gehabt:

Ja, wir waren eine Dreierseilschaft mit unterschiedlichen Niveaus und kennen uns aus der Halle. Anstatt von Ehrgeiz und Ansporn war diese Reise vor allem auch von Fürsorge und Ermutigung geprägt. Ich habe mich von meinen Seilpartnern auf eine tiefe Weise gehalten gefühlt. Jeder von uns traute sich mit seinen Ängsten zu sein ohne beurteilt zu werden. Einmal war ich im Vorstieg und traute mich nicht weiter. Die beiden haben meine Angst akzeptiert und gleichzeitig mir Zeit und Raum gelassen, in meiner Verantwortung zu bleiben. Mit dem Teilen der Sorge, es nicht zu schaffen, und zu spüren, dass die beiden trotzdem bei mir sind und mich unterstützen, fand ich den Mut weiter voranzugehen und habe die Stelle gemeistert. Solche Erlebnisse hatten wir in verschiedenen Konstellationen und immer gab es ein Spüren, Zulassen und Respekt dem anderen und der Situation gegenüber. 

 

  •     Noch eine Frage zu Humor, du hast ihn als einen dir wichtigen Teil unserer Arbeit beschrieben. Warum?:

Bei der Arbeit mit Schmerz habe ich gelernt, dass dabei nicht automatisch Schwere und Last entstehen muss. Im Gegenteil, Humor und Lachen hat mich die Verbindung mit dir als Therapeuten spüren lassen. Aber auch die Verbundenheit mit meinen Themen und Zielen wurde klarer. Manchmal konnte schon ein kleiner Schmunzler die Relation zu dem gefühlten Drama oder meinen schnellen Gedanken zu dem, was mir wichtig ist, erzeugen. Und das Loslassen war dann einfach. Mit unserer Grinberg-Arbeit habe ich gemerkt, dass für mich das Zulassen des Schmerzes und die Empfindung von Freude auf der gleichen Seite einer Medaille stehen, beides gehört zusammen, beides hat mit Verbindung und Vertrauen zu tun.

 

 

 

 

 

Martina Schuegraf (Dr. phil.) ist Medienwissenschaftlerin, Orchestrator und Prozessbegleiterin im Bereich Wandel und Innovationen, Bildung und Digitalisierung. Als selbstständig Tätige führt sie u.a. Zukunftslabore mit Institutionen, Unternehmen, Organisationen und Menschen durch, die sich dem gesellschaftlichen Wandel stellen, offen sind für kritisches und visionäres Denken und so von der Zukunft lernen wollen. Sie hält Vorträge zum Einfluss von Digitalisierung und Social Media auf Bildung und gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Zuletzt war sie Professorin für „Theorie und Empirie der Medienkonvergenz“ im Studiengang „Digitale Medienkultur“ an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF bis sie sich entschied, in kollaborativen Netzwerken zu arbeiten und zu forschen.          

 

El Chorro - Foto von Martina Schuegraf (Bergsee-Foto ebenso)
El Chorro - Foto von Martina Schuegraf (Bergsee-Foto ebenso)